Hörproben  

...vom ORF Radio-NÖ Frühschoppen aus Tullnerbach, Sendetermin: 01.07.2012

   

Ensemblekonzert 2017

 

Kapellmeister Wolfgang Jakesch und das Blasorchester Tullnerbach

 

„Gemischter Satz“ – Traditionskonzert eines Ausnahmeorchesters

Mag. Sabine Schlüter

Prachtvolles Herbstwetter ist normalerweise der Garant dafür, dass Kulturveranstaltungen, die in geschlossenen Räumen stattfinden, nur mäßig besucht sind. Die Musiker des Blasorchesters Tullnerbach, die den Wolfsgrabener Pfarrsaal für ihr traditionelles Herbstkonzert vorbereiten, wissen das. Sie füllen den Saal nur zu zwei Dritteln mit Stuhlreihen. Kapellmeister Wolfgang Jakesch war noch nie ein Freund von überzogenen Erwartungen: „Wir haben treue Besucher, aber so ein Wetter ist ein Geschenk. Heute kann man es wirklich niemandem verübeln, wenn er wandern geht.“ Seine Musiker sehen das ähnlich und bereiten sich trotzdem gutgelaunt vor. So wie das Wetter ein Geschenk ist, wird auch jeder Besucher ein Geschenk sein.

Um halb vier ist die Schlange der parkenden Autos schon lang, die Stimmung der Gäste, die sich am sonnigen Vorplatz an Kürbissuppe und Sekt laben, bestens. Um zwanzig vor vier wird der Saal mit Stuhlreihen bis ganz nach hinten aufgefüllt. Kurz vor vier folgen Stühle an den Seiten. Kaum noch Platz, um sie aufzustellen!

Das Programm, das nun folgt, beweist, dass das Publikum recht hatte. Was die Ensembles aus Tullnerbach und Umgebung bieten, ist mit Bedacht gewählt, mit Engagement geprobt, mit Kunstsinn dargebracht. Die Tullnerbacher Tanzlmusi macht den Auftakt mit der bekannten böhmischen Polka „Rosamunde“, setzt fort mit bayerischer Volksmusik, landet bei der Titelmusik von „Tom und Jerry“: „Vielen Dank für die Blumen“. Durch das nun folgende Konzert, in dem Klassik, Volksmusik und Modernes ein breites Register abdecken, geleitet Kapellmeister Wolfgang Jakesch. Seine Moderation ist bereits Tradition: Kundig und unterhaltsam führt er in jedes Werk ein, sodass der Zuschauer nicht nur den Genuss des Gehörten, sondern auch Kenntnisse über Musikgeschichte mit nach Hause nimmt. Oder wussten Sie, dass das berühmte Adagio in g-moll des Barockmusikers Tomaso Albinoni gar nicht von Albinoni ist, sondern vom bestverdienenden klassischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, Remo Giazotto?

Erstaunlich ist aber nicht nur die Breite der Stilrichtungen, mit der die Tullnerbacher aufwarten können. Das hohe Niveau zeigt sich auch in der mitunter ausgefallenen Zusammenstellung der Ensembles und in den dafür erforderlichen ungewöhnlichen Arrangements, die die Musiker teilweise selbst geschrieben haben. Ungewöhnliche Arrangements – das bedeutet, Musikstücke für Instrumente zu adaptieren, für die diese Musik ursprünglich gar nicht komponiert worden ist, weswegen damit oft besondere Herausforderungen für einzelne Instrumente verbunden sind. So kommt es, dass an diesem Samstagnachmittag nicht nur insgesamt ein hohes Niveau geboten wird, sondern sogar herausragende Leistungen zu hören sind, etwa am Horn, an der Querflöte, am Saxophon oder an der Klarinette. Auch das „Klangwerk Wienerwald“, eine bei Wettbewerben bereits mehrfach preisgekrönte Volksmusikgruppe, gibt sich, wie schon in den Jahren zuvor, ein Stelldichein und wird vom Applaus des Publikums erst nach einer Zugabe entlassen.

Konzerte wie dieses fallen natürlich nicht vom Himmel, sind nicht nur Einzelbegabungen, Musiklehrern und engagierten Eltern zu verdanken. Sie verlangen jahre- bis jahrzehntelange, geduldige, kompetente Aufbauarbeit, aus der erst jene stabile Vernetzung erwächst, auf die man bei solchen Anlässen zurückgreifen kann. Denn alle Musiker – auch jene, die nicht regelmäßig beim Blasorchester Tullnerbach spielen – sind Wolfgang Jakesch und seinem Orchester in vielfältiger Weise verbunden, als Schüler, als Mitglieder der Blasmusik oder des Jugendorchesters. Und so erscheint es denn auch folgerichtig, dass Kapellmeister Wolfgang Jakesch aufgrund seiner Verdienste und der beständigen Erfolge des vom ihm geleiteten Orchesters – neunmal in Folge Auszeichnungen in der Konzertwertung des Niederösterreichischen Blasmusikverbandes in künstlerisch anspruchsvollen Klassen und damit bestes Orchester des Bezirks – im Rahmen dieses Konzerts mit der Goldenen Dirigentennadel geehrt wurde. Vorgenommen wurde diese Auszeichnung von Bezirksobmann Bernhard Hilbinger, selbst Musiker und Musiklehrer, der seiner Freude über diesen Erfolg in warmen und anerkennenden Worten Ausdruck verlieh.

Doch neben künstlerischem Niveau und Ehrung gab es einen weiteren Grund zur Freude: Jugendarbeit wird vom gesamten Blasorchester Tullnerbach besonders ernst genommen. Nach der Ehrung des Kapellmeisters folgte die offizielle Aufnahme von vier Jungmusikern – elf bis vierzehn Jahre alt –, die mit dem Jungmusiker-Leistungsabzeichen in Bronze im Rahmen der Klangwerkstatt Tulln auch die Berechtigung erworben hatten, dem Orchester beizutreten. Das ist bemerkenswert vor allem deshalb, weil Jugendarbeit nicht nur ein besonders wichtiges, sondern auch ein besonders schwieriges Feld ist, gibt es doch Konkurrenzangebote zuhauf (an denen man das eigene Kind nicht so leichten Herzens teilnehmen sieht wie an einem Orchester). Was bringt einen Elfjährigen dazu, wöchentliche Proben, stetiges Üben, diszipliniertes Arbeiten, weißes Hemd, Gilet und Krawatte in Kauf zu nehmen? „Es ist so cool!“, sagt einer der beiden elfjährigen Jungmusiker begeistert. Und was ist cool daran? „Man steht auf der Bühne, ganz vorn, alle schauen einen an, und man weiß, jetzt kann man allen eine Freude machen. Und man kann das auch, was man da tut! Und wenn ich mal einen Fehler mach, ist es nicht so schlimm, weil wir ein Orchester sind.“ Sprach’s und lief zum Buffet, selbstgemachte Brote und Kuchen verkaufen und sich mit seinen Freunden amüsieren.

Wie viele Orte gibt es, wo junge Menschen so positiv bestärkt, anerkannt und daher selbstbewusst, erwünscht und offenbar glücklich in die Welt der „Großen“ hineinwachsen können? Wo eigene Fähigkeiten und ihr Nutzen für die Gemeinschaft eine so beglückende Verbindung eingehen? Zumal in Zeiten, in denen junge Menschen darum kämpfen müssen, nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, der durch Jugendarbeitslosigkeit, soziale Probleme, sich wandelnde Gesellschaftsstrukturen und nicht zuletzt die Politik immer wieder bedrohlich nahe rückt. Welch zwiespältige Rolle gerade die Politik in diesem Punkt spielt, ist übrigens auch bei diesem Konzert spürbar: In krassem Gegensatz zu Ehrung und Erfolg des Kapellmeisters – ein Erfolg, der in Wahrheit natürlich auch dem ganzen Orchester gilt – wurde von den Gemeinden Pressbaum und Wolfsgraben vor Kurzem die  Finanzierung des Kapellmeisterpostens gestrichen. Das schränkt nicht nur Auftritte außerhalb der Gemeinde Tullnerbach, etwa dieses Wolfsgrabener Konzert, empfindlich ein, sondern macht auch Jugendarbeit fast unmöglich. Das ist umso tragischer, als damit Strukturen ausgehöhlt werden, die kontinuierliche, finanziell abgesicherte Arbeit brauchen, um sich zu entwickeln; und schließlich ist es ernüchternd, zu beobachten, dass auch auf dem kulturellen Sektor „Leistung sich (offenbar) nicht mehr lohnt“.

Als das Konzert zu Ende, der letzte Ton verklungen und der letzte Applaus verhallt ist, als die Stühle wieder weggeräumt und alles aufgekehrt ist – ja, auch das machen die Musiker selber –, ist auch der Gemischte Satz vom Weingut Edelmoser ausgetrunken. Kein Tröpfchen ist übriggeblieben. Die Zuschauer haben ihn ebenso ausgekostet wie die Klänge des Herbstkonzertes des besten Orchesters der Wienerwaldregion.

Ob es das Konzert „Gemischter Satz“ im nächsten Jahr noch einmal geben wird?

„Ein Dirigent ist immer nur so gut wie die Musiker, die hinter ihm stehen!“

 

Fr. VBGM Irene Wallner-Hofhansl (Pressbaum), BGM Johann Novomestsky (Tullnerbach), BGM Wolfsgraben Claudia Bock (Wolfsgraben), VBGM Mag. Wolfgang Braumandl (Tullnerbach) und KPM Wolfgang Jakesch.